Lenzburg-Chronik

Die Folkfestivals auf der Lenzburg

fanden von 1972 bis 1980 jeweils am letzten Juni-Wochenende auf Schloss Lenzburg (Kt. Aargau) statt.

Weder war ich der Gründer der "Lenzburg" noch deren CEO oder PR-Manager. Das gab's gar nicht. Doch war ich von Anfang an immer dabei. Bis zum Ende und drüber hinaus. Als Musiker, als Helfer, Ideengeber. In den Jahren 1976 bis 78 habe ich das grosse Ressort 'Musik' betreut. Nach dem definitiven Ende der Lenzburg-Festivals wurde ich zu sowas wie dem Nachlassverwalter.

Das ist die Geschichte der Folkfestivals auf der Lenzburg. Des ältesten, schönsten, einflussreichsten Festivals der Schweiz und weit drum rum. Erzählt von einem, der mittendrin war. Persönliche Geschichten inklusive ... die darf ich doch dazugeben, nicht? Ist ja meine Homepage. - Mir ist bewusst, dass niemand an einem Festival mit mehreren Bühnen, musikalischen Freiräumen und Tausenden von Menschen alles erleben kann. Andere haben andere Erinnerungen.
Ok, hier sind meine Erinnerungen, noch mehr meine gesammelten Lenzburg-Fakten.

1972

Der Anfang war - wie vieles in diesen Jahren - von Spontanität und Idealismus geprägt. Dani Perret, Dick Watts und Roli Ambühl vom British & American Folksong Club Zürich fuhren zu einem Konzert beim Folkclub Bern. Unterwegs auf der neuen Autobahn A1 sahen sie die malerische Lenzburg. Dani war ein Dudelsackpfeifer mit einem Vorliebe für vorwiegend schottische Schlösser. In Bern angekommen, schwärmte er vom Plan, auf der Lenzburg ein Folkfestival auf die Beine zu stellen. Chita Fricker, Initiant und guter Geist des Folk Clubs Bern, sagte zu. So fuhr Dani Perret zur Lenzburg hoch, war noch begeisterter als zuvor von diesem Ort. Ja, man konnte das Schloss für ein Musikfest mieten.
Dani, Dick und Chita bildeten das erste Ok, man holte noch Benno Kälin dazu, den Leiter der wöchentlichen Radiosendung 'Folk & Country'. Einzelne Gruppen aus St.Gallen, Lausanne und Basel wurden eingeladen, auch eine amerikanische Strassenmusik-Band, und das Folkfestival auf der Lenzburg war geboren.

Es wäre falsch zu behaupten, das Folkfestival Lenzburg sei nach amerikanischem Vorbild entstanden. Wir wussten vom Newport Folkfestival in den USA und natürlich von Woodstock. Mit den Country Ramblers in Zürich und den Bluegrass Blossoms in Bern waren Bluegrass-Bands mit ihren 5-String-Banjos die Stars der Szene. Viele sangen Songs von Woody Guthrie, Dylan, Cohen, Tom Paxton. Doch in Zürich waren es einige British subjects, gestrandet bei ETH und Uni, die den Folkclub vorantrieben. In Bern waren wir ohnehin bunte Hunde, in Silvios Döschwo brachten wir einen grossen Kessel Bowle mit. Die St.Galler kreuzten mit Fiedel und sonstigem alten Gerät auf, und eben der Dani Perret, der eröffnete das erste Folkfestival mit seinem schottischen Dudelsack. Untermalt vom Trommler Dani Ambühl.

Lenzburg Nr.1 war eine grosse Fete. Mit Publikum, ja, aber ohne Konzept und Kommerz. Im grossen Rittersaal wurden vom Samstagmittag bis abends um 22 h Konzerte geboten. Die Auftritte waren kurz. Höchstens eine Viertelstunde lang. Draussen in den Erkern und auf den Mauern wurde frei gespielt und gesungen und gejamt.

Als Stars hatte Benno den Fernseh-Gitarrenlehrer John Pearse mit seiner Partnerin Olivia Lyons verpflichtet. Am frühen Abend zur Essenszeit sollten die Leute der Folkclubs von Bern und Zürich je einen Block spielen. Dann um 20 h eine Stunde lang John Pearse. Zum Abschluss die Stars der Szene, die Gruppen Skibbereen, Blue Grass Blossoms und Country Ramblers.
Das ging in die Hose. Folkclub Bern - das waren Chlöisu Friedli, der Bluespianist, meine Wenigkeit mit berndeutschen Songs, auch einem spontanen Lenzburg-Song, und Tinu Diem, Supergitarrist schon als Teenie. Wir erhielten tosenden Applaus. Desgleichen die Zürcher(innen). Damit war der Dampf draussen. Bei Pearse/Lyons leerte sich der Saal. Viele gingen jetzt essen. Und kehrten auch nicht wieder zurück. Die armen Skibbereen begannen im halbleeren Saal. They were not amused. Den beiden letzten Gruppen erging es nur wenig besser.

Übrigens: Das Wetter war toll. Die Sonne strahlte - wie immer bis 1978.

1973

Das zweite Folkfestival war etwas grösser, immer noch eintägig. Auch im Schlosshof stand nun eine Bühne, man konnte bei gutem Wetter mehr Besucher einlassen. Wenn ich mich recht erinnere, lag das Belastungs-Limit für den Rittersaal bei 600 Personen. Man akzeptierte bei Schlechtwetter deshalb höchstens 900 Eintritte. Mit einer Bühne im Schlosshof und gutem Wetter konnte man 2400 einlassen. Das begann nun eine Rolle zu spielen. Folk war bei Leuten angekommen. Die Lenzburg geriet spätestens 1974 an ihre Grenzen.

Vorab Benno Kälin war es ein Anliegen, eine Verbindung von Folk zur einheimischen Volksmusik zu schaffen. Carlo Brunner (Jungstar am Akkordeon) und Hans-Peter Treichler (Historiker und Volkslied-Interpret) traten auf. Hmm. Der Funke sprang nicht über. Auch wenn einige Bluegrassgruppen nun 'Es wott es Froueli zMärit gah', 'Zoge-n am Boge' oder den Bernermarsch instrumental einstreuten.
Von der britischen Insel kamen John James, Roy Bailey und Johnny Handle.

Ich selber trat in diesem Jahr erstmals zusammen mit Tinu Diem auf. Am frühen Nachmittag im Rittersaal. 'Chamäleon', 'Geier' und 'Es Gryfe nach em Wind'. Es lief gut. Und überhaupt - es war toll! Lenzburg-Wetter.

Im Gegensatz zum Vorjahr blieben die Zuschauer heuer am Abend im Schlosshof und waren um 22 h kaum heimzuschicken. Eine Aufgabe, die Benno Kälin übernahm. Und die an ihm haften bleiben sollte. Wer konnte das denn besser als ein erfahrener Radio-Sprecher? Nun ja. Benno startete die Schlossräumung stets ganz nett. Mit vernünftigen Erklärungen zur Nachtruhe. Drohungen, das Festival könne nicht mehr stattfinden, wenn man nicht ... Manchmal verlor er die Contenance. Damit war das Festival offensichtlich und defintiv beendet.


Der grosse Sprung nach vorn kam

1974

Zweitägiges Festival. Neben der Hauptbühne im Schlosshof und dem Rittersaal wurden Stapferhaus und Bergfried für Workshops und Kleinkonzerte miteinbezogen.

Mit der Musik, die wir von den britischen Inseln engagierten, hatten wir die Creme de la creme des Folk auf der Lenzburg. Planxty und Na Fili aus Irland, Leon Rosselson, Roy Bailey und der Pianist Paul Millns aus England, wieder der Waliser John James, dazu Pete Stanley und Roger Knowles aus den USA.

Erstmals erschienen die Höhepunkte der Lenzburg auf einer Doppel-LP. Ich hatte die Ehre, zusammen mit Luc Mentha mit der alten Täuferballade 'Dr Haslibacher' darauf vertreten zu sein. Auch mit drauf war 'D Ballade vo dr Münschter-Fähri' meines Freundes Aernschd Born, der Anfang einer Serie von sehr bemerkenswerten Poltitsongs.

Das Festival war jetzt weit über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt. Ein Grund dafür war seine einzigartige Atmosphäre auf dem mittelalterlichen Schloss.
Diese Einzigartigkeit hatte nicht nur Vorteile. Zum grossen Problem wurde der beschränkte Platz auf der Lenzburg, der sich beim besten Willen nicht ausdehnen liess. 900 Tickets im Vorverkauf (Schlechtwetter-Variante), bei gutem Wetter noch 1500 Tickets an der Tageskasse - das war zu wenig. Weil viele Tausend Ticket-Bestellungen eingingen, Tendenz steigend, musste man die Eintritte verlosen.

1975

Der innovative Banjoist Bill Keith aus den USA war dabei, mit ihm Derroll Adams, Hannes Wader und Christof Stählin aus dem mehr oder weniger Norden, An Triskell aus der Bretagne, Pierre Bensusan aus Frankreich, aus England der Folk-Maestro Martin Carthy, Stammgast Roy Bailey und die Etchingham Steam Band, die neu gegründete Tanzband um das Paar Ashley Hutchings und die Sängerin Shirley Collins - sie Folksängerin der ersten Stunde, er Bassist von Fairport Convention und Steeleye Span.
Mein Highlight waren 'Rum' mit ihren flämischen Traditionals. Ich hatte Rum an einem französischen Festival gehört und war schlicht begeistert. Ich musste sie einfach nach Bern in die Mahogany Hall und zum Folkfestival Lenzburg einladen! Das klappte zum Glück, meine Berner Folkfreunde schenkten mir das Vertrauen, ohne die drei Belgier jemals gehört zu haben. Sie waren grossartig. Für uns eine Inspiration, sowohl in der Art, ihre Songs zu präsentieren, wie auch im Arrangement traditioneller Lieder und Stücke. Rum waren in der Folge mehrmals in der Schweiz, wir spielten umgekehrt zweimal in Belgien. Wir wurden gute Freunde, und ich bin bis heute ein grosser Liebhaber flämischer Lieder.
Liedermacherei war in. Und die regionalen Bands begannen sich nun intensiv der alten Lieder und Tänze, auch der alten Instrumente anzunehmen. Inspirationen kamen u.a. auch aus dem Elsass, vom Géranium und Folk de la Rue des Dentelles. Wieder versuchte vorab Benno Kälin Kontakte zu volkstümlichen Musikgruppen herzustellen. Im Vorjahr waren's die Rigi-Hundsbuechmusig mit Efeublatt, Löffeln und Besenstecken und eine Appenzeller Streichmusik gewesen, diesmal die Walliser Gebrüder Volken mit Vierhand-Hackbrett. Das war sicher nicht schlecht, doch blieb die unsichtbare Wand zwischen den Folkies und den Trachtenleuten bestehen. Bis ...
Ja, das war eine wunderbare Szene am Sonntagnachmittag. Kein Slapstick-Filmemacher hätte das besser drehen können.
Also: Auf der Hauptbühne singt Aernschd Born, mittlerweile bekannter Politsänger. Seine Lieder begeistern das Publikum, doch seine Viertelstunde ist schon überzogen. Aernschd muss die Bühne räumen. Er sagt: "Ich singe hinten auf dem Rasen weiter. Kommt doch mit mir!" Dort hinten steht eine improvisierte kleine Zeltbühne, die Pfuri, Gorps und Kniri aufgebaut haben. Allgemeiner Exodus. Der Schlosshof leert sich. Auf die Hauptbühne kommt die Kapelle Mythenholz. Zwei Örgeler und ein Bassist in weissen Leinenhemden mit roten Halstüchlein. Ihre ersten beiden Stücke sind unscheinbare Ländler. Doch dann folgt die Show des bärtigen 100-kg-Manns am Bass. Er tanzt. Einen ziemlich wilden Werbetanz. Kasatschok-ähnlich. Die Bühne donnert und bricht fast ein unter seinen Sprüngen. Höhepunkt ist sind Sprünge über sein "Fazenettli", sein in beiden Händen gehaltenes rotes Tüchlein. Unglaublich, diese Wendigkeit! Grosses Staunen, tosender Applaus. Und die Hundertschaften, die eben den Hof verlassen haben, strömen zurück, wollen das auch sehen.
Domini Marty, der so sportliche Bassist, hatte sein politisches Heu auf einer ganz anderen Bühne als Aernschd Born. Im Jahr darauf hat er übrigens bei unserem Bubenberg-Fest auf Schloss Spiez tatsächlich die Bühe durchbrochen. Er warb für Milka und auch gegen Überfremdung. Dieser Nachmittag auf der Lenzburg mit zwei so verschiedenen Menschen war magisch. Die ganze Bandbreite der Lenzburg in fünf Minuten.

Unvergessen bleibt auch der Affe. Man muss wissen, dass Hunde auf die Lenzburg nicht zugelassen waren. Nur der Schlosswart, Herr von Arx, hatte einen grossen schwarzen Hund. Nun brachte die welsche Gruppe einen Affen mit. Erste Aufregung an der Kasse. Unser strammer Kassier Helmut wollte das Tier nicht einlassen. Die Künstler reklamierten: Erstens sei das kein verbotener Hund, sondern eben ein Affe, und zweitens sei der festes Mitglied der Band. Ohne ihn würden sie nicht auftreten. So kam der Affe rein. Sein Besitzer kettete ihn an den Ast des Baums zwischen Bühne und Bandroom.
Da hockte dieser Affe nun den ganzen Tag über, manchmal ruhig, manchmal mit Geschrei. Er war keineswegs menschenscheu und hatte eine Vorliebe für Langhaarfrisuren aller Art. Da ergriff er die - auf der Lenzburg zahlreichen - Gelegenheiten beim Schopf.
Das OK erliess für künftige Festivals ein Affenverbot.

Ich war mit Tinu und Luc wieder mit einer alten Ballade auf der LP vertreten. 'Der Herr von Falkenstein'. Zudem mit 'Don Quijote', einem Selfmade-Song, im einzigen Filmchen, das vom Schweizer Fersehen an einem Lenzburg-Festival gedreht wurde.

1976

Die alljährliche Auslosung von Vorverkaufstickets zum Lenzburg-Festival aus einer Masse von Bestellungen war für die Folk-Fans eine Zumutung. So waren wir froh, dass in diesen Jahren anderswo Folkfestivals mit ausgedehntem Gelände entstanden. Z.B. auf dem Bachtel (1975), in Nyon (1976), ab 1977 auch unser Geschwisterfestival auf dem Gurten bei Bern. Mit dem waren wir durch Chita Fricker personell verbunden. Der Gurten fand jeweils am Wochenende nach der Lenzburg anfang Juli statt. Diese neuen Festivals waren nicht Konkurrenten der Lenzburg. Im Gegenteil. Sie waren für die Folkbewegung nötig.
Nun wird sich niemand darüber wundern, dass die Lenzburg unter diesen Festival die Rolle der Kirchenmaus einnahm. Finanziell, meine ich. Geringere Zuschauerzahlen als andere, auch keinerlei Sponsoring. Im Gegenteil. Wir hatten dem Kanton Aargau noch die Schlossmiete zu bezahlen. Da flog z.B. das Bachtel-Festival einen einzelnen Blueser aus Chicago zu einem Preis ein, der das gesamte Budget der Lenzburg ausmachte. Auf der Lenzburg arbeiteten alle gratis. Vom OK über den Platzarzt und alle Helfer bis hin zu den Musikern. Richtig gehört: Die Musiker erhielten ihre Reisespesen, Gratiseintritt und Verpflegung für sich und Begleitung. Dazu gab's ein Musikerfest am Freitagabend - und das war's dann. Diese Regelung galt sogar für die Gastmusiker, die wir aus ganz Europa einluden. Ihre Reisekosten waren natürlich höher, und wir boten ihnen jeweils weitere Konzert-Engagements vor und nach dem Lenzburg-Weekend an. Am Gurtenfestival z.B., so dass sie doch einigermassen auf ihre Rechnung kamen.

Wir wollten unsere Idee eines Jahrestreffens der Folk-Szene, mit dem wir 1972 gestartet waren, aufrecht erhalten. Möglichst viele Musiker sollten auf der Lenzburg dabei sein, sich austauschen und eine Viertelstunde lang auf der Bühne ihre Neuheiten präsentieren können. Jeweils 75-80 Bands konnten wir im Lenzburg-Programm unterbringen. Das ergab wiederum eine Schar von 400 Musizierenden, Begleitpersonen und HelferInnen. An kommerziellen Kriterien gemessen war die Lenzburg wohl das reine Desaster.

Die Beschränkung der Burg hatte auch einen grossen Vorteil:
Wir mussten keine Publikumsmagnete engagieren. Die Lenzburg war sowieso ausverkauft und überlaufen. Wir konnten hierzulande unbekannte Bands einladen, die die Volksmusik und -lieder ihrer Regionen in einer Weise umsetzten, die wir schlicht gut und als inspirierend fanden. Da kamen Folkgruppen aus Skandinavien, Flandern, Friesland, der Bretagne, aus allen Regionen Italiens. Und ja: Wenn eine tolle US-Newgrass-Band gerade auf Europatournee war, nahmen wir auch diese Gelegenheiten wahr. Wir waren keine Kostverächter.

1976 wurde die Volksliedsammlung 'Im Röseligarte' neu aufgelegt. Die bekannten Singbüchlein waren geschmackvoll zusammengestellt, aber eben im bäuerlich-patriotischen Geist der Jahre vor dem 1.Weltkrieg. Wir brauchten für die Folkbewegung die anderen Lieder: Legenden, Balladen, Lieder der Arbeiter, der Armen, der Aussenseiter, historische Lieder. Ich machte mich an die Sammlung. Musiker auf der Lenzburg unterstützten mich mit ihren Funden.
Doch der 'Röseligarte' war ein Zeichen, dass Folk beim Volk angekommen war. Kommerziell interessant wurde.
Im Vorjahr waren die Bauarbeiten zum AKW Kaiseraugst nach einer elfwöchigen Besetzung des Geländes abgebrochen worden, Aernschd Born hatte die Ballade dazu geschrieben. Der Vietnamkrieg war endlich beendet. Der schreckliche Nixon war weg, auch sein bekloppter Nachfolger Ford, geschlagen von einem demokratischen Aussenseiter. Leonard Cohen, Joni Mitchell, Neil Young, James Taylor und natürlich Bob Dylan waren Star-Songwriters, George Moustaki in Frankreich, Fabrizio De André und Paolo Conte in Italien, irische und bretonische Musik war in, ganz besonders der Harfenist Alan Stivell. Hannes Wader war der deutsche Superstar. Wolf Biermann war der DDR so wichtig, dass man ihn dort ausbürgerte. Hohezeit der Liedermacher, Hohezeit des Folks. Klubs, Feste und Festival schossen wie Pilze aus dem Boden. Das war eine neue Lebens- und Musikkultur. In ihrer ganze Breite zwischen Bildern und Liebe, Träumen, Protest, Suche nach Wurzeln, Tanz im Grünen. Wir meinten, die Discosounds, der Glitter-Rock und das Abba-Geträller im Fernsehen seien bedeutungslos. Die letzten Zuckungen von Unterhaltungsbrunz, um Tinu Heiniger zu zitieren.
Das Fernsehen war noch Staatsmonopol. Neuerdings in Farbe. 1975 hatte das SF DRS einen Bericht über die Lenzburg gedreht, moderiert von Benno Kälin. In diesem Jahr waren zwei VJs des Saarländischen Rundfunks gern gesehene Gäste - doch mit dem Schweizer Fernsehen gab's Probleme.

Beim SF hatte man inzwischen auch wahrgenommen, was da auf der Lenzburg abging. Musikredaktor Mani Hildebrand wollte da einsteigen, indem SF DRS am Lenzburg-Festival jeweils ein Dutzend sehenswerter junger Gruppen/Musiker aufnehmen wollte, nicht bei deren Bühnenauftritt, sondern auf einer eigenen kleinen Fernsehbühne hinten auf dem Gelände, wo dies den Programmablauf nicht stören würde. Moderator wäre Urs Böschenstein, der Minnesänger mit dem Zwirbelschnauz. Die Clips würden nicht als Festival-Bericht ausgestrahlt, sondern bei Bedarf als Füller zwischen beliebigen Sendungen eingeschoben werden.
Eine längerfristge Zusammenarbeit mit dem Fernsehen mussten wir im OK besprechen. Die Lenzburg war auf Propaganda im TV nicht angewiesen. Sie war ohnehin ausverkauft. Doch für Folkbewegung als Ganzes und für die einzelnen Musiker war es eine Chance. Umgekehrt würde es dem Fernsehprogramm auch gut anstehen. Da kamen aber auch Bedenken ins Spiel. Der technische Aufwand. Das wäre keine VJ-Reportage, eher eine Materialschlacht. Mit Ton- und Lichtspezialisten und grossen Kameras. Der Zugang zum Schloss war beschwerlich. Auffahrt mit einem Handwagen über den Kopfsteinweg, dann mit dem Hebekran hochziehen. Der Hebekran, das Nadelöhr der Versorgung, war bereits arg ausgelastet. Wie würde sich die TV-Nebenbühne - im Dauereinsatz - auf die Stimmung, auf die vielen spontanen Begegnungen und Jam-Sessions auswirken? Bekäme man nicht immer wieder ein "Psst! Aufnahme!" zu hören? Kämen bei schlechtem Wetter die grossen Scheinwerfer zum Einsatz? - Böschenstein, der vornehmlich als Minnesänger in einem Zürcher Nobelhotel auftrat und sich noch nie auf der Lenzburg hatte blicken lassen, schien uns eine unglückliche Wahl als Präsentator. Sicher wäre fähig zu moderieren, fachlich und sprachlich unbestritten - aber er würde mit seinem grossen Schnauz als Affiche für überall verstreute, unangekündigte Folk-Clips bald zum "Mister Folk" werden. Das passte nicht.
Das Lenzburg-OK war gespalten. Mit 5:4 Stimmen entschieden wir uns zur Absage an das Schweizer Fernsehen. Stattdessen setzten wir einen Workshop an, eine Fernsehdiskussion mit TV-Redaktor Hildebrand, Schweizer Musikern/Liedermachern und zwei OK-Mitgliedern. Ziel war es, eine Form der Zusammenarbeit zu finden.
In der Diskussion legten wir unser Für und Wider dar. Walti Lietha, der wohl angesagteste Schweizer Liedermacher, sagte: Er verzichte darauf, auf Vorrat aufgenommen und dann nach einer Rede von Broger (dem alten Erzkonservativen) als Füller eingeschoben zu werden, das sei entwürdigend. Max Lässer, sein Mitmusiker in der Im Bode Bànd, schlug vor: Das Fernsehen könnte doch jeweils einen Jungfilmer zu einem Lenzburg-Beitrag beauftragen.
Redaktor Hildebrand war offenbar überrascht und sauer, dass jemand die Einladung zu Fernsehauftritten nicht freudig akzeptierte. Vordergründig meinte er, er wolle den Vorschlag prüfen. Nach wenigen Minuten aber schnappte er sich heimlich die Im Bode Bänd und bot ihnen einen separaten TV-Auftritt an. Walti Lietha lehnte ab und berichtete mir davon. Das war das Ende seiner Fernsehkarriere. Selbstredend waren auch die Lenzburg und ich persönlich fürs Fernsehen gestorben.
Mani Hildebrand äusserte sich viele Jahre später bei seiner Pensionierung:
"(...) im Bereich der Liedermacher und der engagierten Musiker waren wirklich viele differenzierte Songs und Meinungen entstanden. Das Problem war nur, dass ich mit den Polit-Barden meist nicht einig wurde, denn sie sahen das Fernsehen oft als Feindbild oder nur als Sprachrohr für ihre Agitation an."
Der TV-Musik-Übervater und die widerborstigen Kinderlein. Mani Hildebrand hat in seiner fast 40-jährigen TV-Karriere jedes Talent sofort erkannt und auch gefördert (Selbsteinschätzung), bloss einmal hat er sich geirrt, als er DJ Bobo bei seinem ersten Kontakt abglehnt hat. Er hat sich aber bei Bobo entschuldigt, und die beiden sind dicke Freunde geworden. Wir gratulieren.
Übrigens fand zumindest TV RSR bei Daniel Rosselats Paléo Festival in Nyon einen willigen Medienpartner. Extra- Fernsehzelt auf dem riesigen Gelände.

Die internationalen Gäste auf der Lenzburg 1976 waren neben dem Dauergast John James die Newgrass-Band Southbound, Catalin Tarcolea aus Rumänien, Lillebjørn Nilsen und Steinar Ofsdal aus Norwegen, die Zwillinge Hein und Oss Kröher aus Pirmasens und Almanacco Popolare aus Italien.

Bei einigen Wetterstationen war der Sonntag, 4. Juli 1976, der heisseste Tag seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Sonne brannte unerbittlich auf den Lenzburg-Rasen. Platzarzt Peter Diem war an diesem Wochenende im Dauereinsatz. Er zählte über vierzig Sonnenstiche.
Auch den Instrumenten setze die Sonne zu. Saiteninstrumente waren innerhalb weniger Minuten hoffnungslos verstimmt. Je mehr Saiten, desto schlimmer. Harfen, Hackbretter und Hardanger-Fiedeln waren gesundheitlich ernsthaft bedroht. Unsere rumänischen Gäste mit ihrem Zymbal klangen virtous, aber ab Stück Nr. 2 kakofonisch. So ergab sich für Jahrang 1976 bloss eine einfache statt einer Lenzburg-Doppel-LP, worauf vermehrt Titel aus dem kleinen, aber kühlen Bergfried zum Zug kamen. Oder ein Vogelruf, ein norwegisches Flötensolo, ganz saitenfrei.
Hervorheben möchte ich den ersten Lenzburg-Auftritt von Walter Liethas Im Bode Band. Von ihnen wurden 'Dia Freia' auf die LP aufgenommen. Sehr schönes Lied. Natürlich das erste, das sie spielten.

In diesem Jahr übernahm ich im Lenzburg-OK das Ressort Musik. Meine Aufgabe war die Ausschreibung an die Musiker. Einforderung von Probe-Kassetten. Auswahl der Auftretenden. Programmgestaltung: Wer soll wo und wann auftreten. Information an alle.
Die Nachfrage nach Auftritten war trotz fehlender Gage und engem Zeitlimit enorm. Über 120 Demo-Kassetten wurden eingesandt. Dazu kamen Musiker, die uns von LPs und Auftritten her bekannt waren. Alles in allem höchstens in etwa 75 konnten wir im Programm platzieren. Selbstverständlich traf ich die Auswahl nicht allein. Der Karton mit den Bändchen wurde an 3-4 weitere Juroren quer durch die Schweiz geschickt. Die mussten ihn jeweils nach einer Woche weitergeben. Vordigitales Zeitalter eben. 20 Bändchen pro Tag abhören und bewerten - wohl bekomm's! Ein Vollzeitjob.
Man könnte meinen, die abschliessende Programmsitzung der Jury sei ein Kinderspiel. Punkte zusammenzählen, der Cut ... War aber nicht so einfach. Weil die meisten Juroren so nett waren, guten Gitarristen die Höchstnote 4 zu geben, hätte der Cut ein arg monotones Festival ergeben. Solo- und Duointerpretationen vorwiegend bekannter Tunes. Sobald eine Stimme dazukam, erst recht eine unenglische, gefiel dem einen oder anderen Juror der Gesang oder der Text nicht. Auch grössere Bands und unbekannte Klänge drohten irgendwo anzustossen. Man musste im Zweifelsfall Innovation und Originalität, die Aussagekraft, die Poesie würdigen, technische Mängel verzeihen, um ein abwechslungsreiches Gesamtprogramm zu schaffen, die Stärke der Lenzburg, und nicht in repetitiver Perfektion zu ersticken.

(Im Einvernehmen mit dem OK) traf ich eine Entscheidung, für die mich einige Leute hassten: Diejenigen Musiker, die an allen bisherigen Festivals auf der Hauptbühne gestanden hatten, sollten in diesem Jahr mit einer Nebenbühne vorlieb nehmen. Spontane Sessions auf dem Gelände waren ohnehin immer willkommen. Das betraf u.a. die Country Ramblers, die Bluegrass Blossoms, George Tempest, aber auch mich selbst und meinen Kumpel Tinu Diem. Ein Bruch der Routine. Einige böse Worte gab's. Doch angesichts der Bruthitze waren die Kleinkonzerte in kühlen Räumen sogar ein Segen, während sich die armen Kerle auf im Schlosshof an ihren heissen Instrumenten die Finger verbrannten.
Ein weiterer programmatischer Entscheid war die Platzierung der Newgrass-Stars 'Southbound' als Eröffnungs- und dann noch einmal als Abschluss-Band des Festivals. Böses Blut bei der Bluegrass-Gilde. Da könnten ja Besucher zu spät eintreffen und dann wieder früh aufbrechen wollen, und damit 'Southbound' verpassen. Ja. Andererseits war es - in Anbetracht des beschränkten Platzes - doch ein Ziel, die volle Länge des Festivals auszuschöpfen. Das Schloss möglichst schon am Samstagmittag zu füllen und es am Sonntagabend mit einem Höhepunkt zu beschliessen. Die Hitze führte dazu, dass die Newgrass-Band mit ihren vielen Saiteninstrumenten mit ihren Randzeiten gut bedient war.
Einen Entscheid bereue ich aber. Für Samstagabend platzierte ich Jürg Jegge auf der Hauptbühne. Endlich wurde es etwas kühler. Die Folkies erwachten aus der Sonnen-Lethargie und wollten tanzen. Reigentänze mit wehenden Röcken. Da war der damalige "Lehrer der Nation" der denkbar schlechteste Soundtrack dazu. Sorry angel, sorry so.

1977

Da muss ich die Story von Gösgen erzählen:

Wir hatten für die Lenzburg '77 ein Schwerpunktthema 'Politisches Lied' festgesetzt und dazu neben dem Basler Aernschd Born auch Walter Mossmann aus Freiburg und Gerd Schinkel aus Bonn eingeladen. 1-2 weitere sollten folgen.
Nun planten die AKW-Gegner nach der erfolgreichen Besetzung des Baugeländes von Kaiseraugst (April 1975) eine Besetzung der Zufahrtsstrasse zur Baustelle des AKWs Gösgen. Grosser Protestmarsch zum Gelände, grosses Fest samt Festzelt am Abend. Als Termin für die Besetzung suchte sich die GAGAK kurzfristig ausgerechnet den 25. Juni aus - den Samstag des Festivals auf der Lenzburg. Einwände wegen der Terminkollision wurden mit der in solchen Fällen üblichen Begründung abgeschmettert: Die Publika würden sich kaum überschneiden. Dabei liegt Gösgen nur gerade 20 km von der Lenzburg entfernt.
Aufgeregter Anruf von Aernschd: Er könne nicht auf die Lenzburg kommen. Walter Mossmann ebenso wenig. Wenn Tausende zu einem AKW marschierten, könne er doch nicht wenige Kilometer daneben auf einem Schloss Demo-Lieder singen!
Das Lenzburg-Programm war aber schon im Druck samt Aernschd, Walter und Schwerpunktthema. - Wir überlegten ein wenig hin und her und fanden eine Lösung: Die geografische Nähe der Veranstaltungen könnte zum Vorteil für beide werden. Die AKW-Gegner hatten vor, am Abend vor dem Gösgen-Gelände ein Festzelt aufzubauen. Kulturelle Darbietungen sehr willkommen, ebenso Menschen, dort übernachten würden. Aernschd sprach mit den Organisatoren. Sie boten einen Shuttle-Dienst zwischen der Lenzburg und Gösgen an. Der Plan: Aernschd trat auf der Lenzburg am frühen Samstagnachmittag auf, kam auf der Marsch gegen Gösgen zu sprechen. Er erzählte vom geplanten Festzelt und lud die Musiker - die nicht am Abend auf der Lenzburg im Programm standen, versteht sich! - ein, dort ein Gastspiel zu geben. Zudem sei, wer wolle, zum Übernachten eingeladen. Synergien. Alles freiwillig und nicht zum Schaden der Festivals.

Als wir - Lenzburg-OK und früh angereiste Musizierende - am Freitagabend in der Mehrzweckhalle im Städtchen übernachteten, hatten wir dort Gesellschaft. Früh morgens legten sie sich ihre Einsatz-Uniformen an: Hunderte Polizisten, wie die Wäppchen zeigten: aus einem Dutzend Kantonen. Ein Grossaufmarsch. Dass liess nicht Gutes erahnen für Gösgen.
Aernschd liess sich nicht beirren. Er sang auf der Hauptbühne zwei, drei Lieder und verkündete dann den Plan für den Abend. Grosse Fete in Gösgen. Shuttle-Bus. Musiker könnten sich bei ihm anmelden.
Im Laufe des Nachmittags trafen schlechte Nachrichten aus Dulliken und Däniken ein (vor-Handy-Zeit - alles tropfenweise vom Hörensagen). Der grosse Demozug sei bereits auf dem Anmarsch von einem nie zuvor gesehenen interkantonalen Aufgebot von geschätzten tausend Polizisten in Kampfmontur gestoppt und zurückgetrieben worden. Tränengas. Flucht. Kein Festzelt. Kein Zeltlager.
Aernschd wollte diese bad news verkünden, hatte aber nun ein Problem. Das Programm war so dicht gedrängt, dass sich darin keine Lücke fand, umso mehr als der Aernschd, wenn er erst mal loslegte, kaum mehr zu bremsen war. Aernschd musste die Auftretenden anfragen, ob ihm jemand von seinem Set die Zeit für die Gösgen-Berichterstattung abtreten wollte. Im Rittersaal gewährte ihm ausgerechnet die Husmusig Jeremias Gastrecht. Die ausserordentliche Volksmusikgruppe hatte das Publikum voll im Griff, er wurde wild getanzt, als Aernschd das Mikrofon ergriff. - Das Tanzvolk hörte sich Mitteilung an, wurde aber kribbelig und zunehmend ungeduldig. Aernschd berichtete ausführlich. Einige Tänzer begannen zu pfeifen. Aernschd empfand seine aktuelle Botschaft als viel wichtiger als Ländler und Tanzen und tat dies auch kund. Pfeifkonzert. Publikumsschelte. Bis die Jeremiasse weitermachten.
Die blutjunge Berichterstatterin der Aargauer Zeitung titelte "Der Herold von Gösgen". Der kantonale Schlossverwalter vernahm vor der Sache und verlangte ein Verbot politischer Äusserungen auf dem Schloss, sonst würde dieses nicht mehr ans Folkfestival vermietet.
Die Drohung trug schon eine Woche später beim 1. Folkfestival auf dem Gurten Früchte. Wieder eine Gross-Demo gegen Gösgen, wieder ein massiver Polizeieinsatz, diesmal sogar mit Gummigeschossen. Auf dem Gurten stand ich zu dieser Zeit zusammen mit Tinu und Luc auf der Hauptbühne. Der GAGAK-Mensch berichtete mir davon. Der Bühnenchef schnauzte mich an: "Keni politische Üsserige!, süsch steue mer ds Mik ab!". Ich sagte nur - aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

Der 'Herold von Gösgen' war die Schlagzeile des 6. Folkfesival auf der Lenzburg. Schade. Es hatte viel Besseres zu bieten, es gab viel Neues zu entdecken. Da waren die Watersons, die superbe acappella-Gruppe aus Nordengland, Mike, Lal und Norma Waterson und deren Mann Martin Carthy, der auch solo ein Top-Folksinger war. Die Institution Roy Bailey durfte nicht fehlen, Kolinda kamen aus Ungarn. Moin und die Tonschusser aus Deutschland waren toll. Vielleicht eben gerade, weil sie nicht so ganz deutsch klangen die einen sangen platt, die andern boarisch.
Auf dem Programm stand auch die Hamburger Mittelalter-Rockband Ougenweide. Die gaben aber auf, als sie sahen, wie tief unten am Schlossberg sie ihren Laster entladen müssten, wie da noch 30 Höhenmeter mit Karren und Hebekran anstünden. Sie traten am folgenden Wochenende am Gurtenfestival auf.

Höhepunkt der Wochenendes war die Husmusig Jeremias vo Bärn.
Im Sommer des Vorjahres hatte ich an einem Bernfest bei einem Altstadtbrunnen drei ältere Mannen in blauer Tracht gesehen. Sie musizierten sehr schön, Volksmusik mit einer glasklaren sanften Geige. Ich kaufte ihnen eine Platte ab - Husmusig Jeremias vo Bäup - und fragte den Geiger an, ob sie mal zu einem Folkfestival kommen möchten? Zum Buebebärg-Fest, vielliecht im nächsten Jahr auf die Lenzburg. Ja, er wollte. Über die Entwicklung der Husmusig Jeremias konnte ich nur staunen. Märku Hafner - so hiess der Meistergeiger - begann mit jungen Musikern aus der Folkszene zu musizieren. Mit Hackbrett, Halszither, Cello. Nach einigen Monaten liess er sich frühpensionieren und setzte ganz auf Konzerte an Festen und Festivals, vor allem aber auf Strassenmusik. Seinem Stil blieb er treu: Er schöpfte aus einem grossen Vorrat von etwas queren traditionellen Schweizer Tänzen, mit der Zeit kamen Melodien der Fahrenden dazu.
An diesem Lenzburg-Festival (und danach auch auf dem Gurten) war die Husmusig Jeremias der Publikumsmagnet. Sie wurden nicht müde, ihre wunderschönen Tänze - Walzer us dr Rosezyt, Zupfgyge-Schottisch u.a.m. - auch abseits der Bühne zu spielen. Ein schnelles Bravourstück auf der Geige wurde zum echten Lenzburg-Hit: der 'Parsenn-Schuss'. In den folgenden Jahren dutzendfach in Folk-Repertoires ausfgenommen. Da hatte man nun die so ersehnte Fusion von Folk und Volksmusik!

Erinnerung an einen sehr schönen und interessanten Hackbrett-Workshop im Stapferhaus. Appenzeller Hackbrett (Töbi Tobler?), Eigenkonstruktion von Chrigu Schwander, diatonisches bayerisches Hackbrett (Renate Greifenstein) und Zymbal (Dani Fehr).

Die Doppel-LP produzierte man erstmals zusammen mit dem 1. Gurten-Festival. Wir waren darauf mit dem 'Dräckigs Gschir Blues' vom Gurten vertreten.

1978

reisten aus der Ferne an:
Die Albion Band (GB), die Bretonen Dan Ar Braz und An Triskell, die Teatrogruppo di Salerno (I), La Lionetta und Prinsi Raymund aus Turin, die Fraunhofner Stub'nmusi und die Tonschusser (München), Ina Deter und Klaus der Fiedler mit Freuden (D) und die Kantele-Spielerin Anna-Lisa Arakangas (FIN). - Die Albion Band das neue Projekt von Ashley Hutchings, nun elektrifiziert und verstärkt durch den Melodeonspieler, Songwriter und Sänger John Tams. Auch Dan Ar Braz spielte elektrisch und reiste mit ordentlich viel Material und Roadies an.
Ich möchte erwähnen, dass auch etliche Schweizer Gruppen mittlerweile ein beachtliches Level erreicht hatten und das Festival bereicherten - immer noch zum Nulltarif. Ich denke an Adrian Naef, Mandala, Tobermit, Linnenzworch, Martin Heiniger, Hoity-Toity, Werner Widmer, Zupfgyge, natürlich die Im Bode Bänd mit Walter Lietha, Max Lässer und Corinna Curschellas und ein Dutzend andere.

Schwerpunktthema waren in diesem Jahr Imigranten-Gruppen. Menschen, die in der Schweiz lebten und hier noch immer die Lieder und Tänze ihrer Heimat pflegten.
Los Kusis (de Bolivia) waren schon 1975 auf der Lenzburg, nun fanden wir die Kolumbianer von El Grito Andino, Ungaren, Tibeter, Türken und drei jugoslawische Gruppen, nämlich eine kroatische, eine serbische und die Jugomelos, die das ganze Land repräsentierten. Türken, Kroaten und Serben hatten je eine Gruppe von Tänzerinnen dabei.

Bei schönem Wetter wär das vermutlich problemlos über die Bühnen gegangen. Aber erstmals hatten wir auf der Lenzburg Wetterpech. Kein hartnäckiger Dauerregen war's, aber zeitweise schüttete es Bäche vom Himmel herab. So gleich am frühen Samstagnachmittag, dem Auftrittstermin der Kroaten. Die Musikanten spielten mitreissend gut unter dem Regendach der Hauptbühne. Doch an eine Tanz-Performance im Kies davor war nicht zu denken. Wegen des wie immer gedrängten Programms konnten wir die Darbietung auch nicht verschieben. Der Leiter der Kroaten war ein Hüne in blauem Regenmantel. Padre Rade Vuksic. Er war natürlich unzufrieden. Ich vertröstete ihn auf lichtere Momente während des Weekends. Dann könnte die Gruppe samt Tänzerinnen auf der Plattform vor dem Rittersaal nocht einmal auftreten. Wir würden das auf den grossen Bühnen ankündigen. Improvisieren. Das war aber gar nicht nach dem Gusto der Tänzerinnen. Sie wollten nicht das gesamte Wochehende in ihren Trachten rumlaufen. Trachten ausziehen eine Viertelstunde. Anziehen eine halbe Stunde. Das käme nur in Frage, wenn sie denn ganz sicher auftreten könnten.
Leider blieb das Wetter wechselhaft. Pfützen auf der Plattform. Die Wiese tief, fast sumpfig. Jugomelos und Tibeter konnten gut auftreten. Doch für die Tanzgruppen blieb am Sonntag der Rittersaal die einzige Alternative. Das war nicht so einfach. Die Roadies des bretonischen Folkrockers Dan Ar Braz waren stundenlang mit dem Aufstellen und Verkabeln ihrer Lautsprechertürme und Soundcheck beschäftigt. Nun mussten wir aber die drei Tanzgruppen nach dem Soundcheck der Rocker einschieben. Wir baten die Roadies um Eile, erklärten die Lage. Sie beeilten sich wirklich, und wir hatten für die drei Tanzgruppen etwa vierzig Minuten Zeit. Die Gruppen würden nicht auf der Bühne tanzen können, da stand das Equipment von Dan Ar Bras. Aber davor müsste es gehen.
Die Türkinnen als erste. Schon bei ihrem Aufmarsch fiel unser Koordinator fast in Ohnmacht. Sie tänzelten in einer Reihe über die Wehrgänge in den Rittersaal, in beiden Händen flammende Tellerchen. Das Holz der Gänge und des Rittersaals war Jahrhunderte alt. Da bestand ein striktes Rauchverbot. Brandgefahr der höchsten Stufe! - Noch mal Glück gehabt. Nach dem Auftritt mussten sie aber auf der Stelle Lichter löschen.
Dann war die Reihe an den Kroaten, der mit Abstand besten Musikgruppe. Die spielten aber nicht. Sie warteten auf ihre Tänzerinnen. Padre Vuksic schien alle Zeit der Welt zu haben, während Herr Cecic, ein Männchen mit schütterem Haar und Regenschirm, zwei Köpfe keiner als der Padre, ungeduldig wurde. Die Wartezeit würde am Ende von seiner Aufführung abgehen. Die Serbinnen waren schon einsatzbereit. Herr Cecic verlangte: man solle sie vorziehen. Zudem war er sehr besorgt, dass nun Kroatinnen nach seinen Mädchen in der einzigen Garderobe des Schlosses sassen. Man könne ihnen nicht trauen. - Als weiterhin keine kroatische Tänzerin zu blicken war, entschied ich mich zusammen mit Kollege Programmkoordinator Urs Eschmann, die serbische Gruppe auftreten zu lassen. Ich rannte einen gefühlten halben Kilometer über die Wehrgänge runter zur Garderobe. Da sassen die Kroatinnen. Was sie denn da täten? - Sie warteten auf ihren Auftritt. Über eine Leiter könne man durch eine Luke direkt auf die Bühne hochsteigen. Sie warteten auf ein Zeichen. - Zurück in den Rittersaal. Und da sah ich, was geschehen war. Die Luke war mit einem Lautsprecherturm überdeckt. Das sagte ich dem Padre, der mit seinen Leuten umgehend den Turm wegschob. Das wiederum rief die Dan Ar Braz-Roadies auf den Plan, die ihr Soundkonzept bedroht sahen. Die Protagonisten schrien sich an. Schliesslich setzte sich der Padre durch, und die Frauen in kroatischer Tracht entstiegen der Bodenluke, auch sie fluchend. Die serbische Darbietung litt stark unter dem Tumult, umso mehr als die Kroaten nun unverzüglich mit ihrer Show starten wollten. Herr Cecic wollte die Luke wieder geschlossen sehen und hieb mit seinem Regenschirm auf Padre Vuksic ein.
Ich war ratlos. Da war alles aus dem Ruder gelaufen. Einfach ratlos, enttäuscht und überfordert. Ich schmiss alles hin. Ging runter ins Stapferhaus und schaute mir das Fussball-WM-Finale an. Schande über mein Haupt.
Als die kroatische Truppe das Schloss verliess, verabschiedete ich mich noch von Padre Vuksic, entschudigte mich für die Missgeschicke, wurde übel beschimpft. Schade, schade, schade. Sie waren saugut.

1979

Geladene Gäste:
Caterina Bueno, die Gruppo Emiliano, La Puddica und nochmals La Lionetta aus Italien, Espe, Wunderwald, Holzrädchen, die Eresinger Stub'nmusi und der Gitarrist Peter Finger aus Deutschland, Pijper Cruid aus den Niederlanden, Le Folk de la Rue des Dentelles aus dem Elsass, Folkvind aus Schweden.

Am Gurtenfestival '78 hatte ich mein letztes Konzert mit Tinu Diem und Luc Mentha gegeben. Tinu zog für sein Studium nach Birmingham. Ich schloss mich in München den 'Tonschussern' an, die sich aber leider bald auflösten. So war ich im Sommer '79 wieder zurück in Bern. Mein Buch 'Anderi Lieder' erschien endlich, die Sammlung mit vielen Beiträgen aus der Folkszene und besonders von der Lenzburg.
Das Musik-Ressort hatte ich beim Unzug nach München niedergelegt. Heuer war ich nur bei der Musikauswahl für die Platte dabei. Am suboptimalen Cover bin ich allerdings ganz unschuldig, wie auch an der Musikauswahl vom Gurten.

1980

Das Jahr 1980 stand ganz im Zeichen der neuen Jugendbewegung. Nach einem Bob-Marley-Konzert im Hallenstadion hatten die Proteste vor dem Zürcher Openhaus ihren Anfang genommen und sich darauf rasch als Jugend- und Kulturrevolution auf die anderen Schweizer Städte ausgebreitet. Strassenschlachten, aber auch originelle Actions bis hinein ins Fernsehen und damit in die bürgerlichen Wohnstuben liessen bei der Jugend eine grosse Hoffnung aufkeimen.
Um es kurz zu machen: Vier von neun Lenzburg-Organisatoren traten im Juni 1980 zurück. Sie wollten die Kultur in die Strassen tragen und sich nicht mehr hinter Schlossmauern verstecken. Das Gurtenfestival pausierte in diesem Jahr ohnehin (das war schon länger beschlossen), das Lenzburgfestival fand ohne grosse Begeisterung statt. Einige Musiker wollten nicht auftreten. Gerade in Zürich liess sich in diesem Sommer progressive Musik mit einem "Rückzug" auf ein Schloss nicht vereinbaren. Das mediale Interesse am Festival war kaum vorhanden, die Journis waren anderswo beschäftigt.
Last but not least war das Wetter schlecht. Man liess 1500 Zuschauer ein, eigentlich zu viele. Jeder überdachte Winkel des Schlosses war mit Musik und Menschen belegt.
Ich musizierte nun mit unserer neuen Band Gallis Erbe. Wir traten im überfüllten Stapferhaus auf - ein gutes, stimmiges Konzert, fand ich. Alte Schweizer Lieder mit Harfe und Halszither waren etwas Neues.

Internationale Gaste waren wieder Pijper Cruid (NL), Peter Finger (D) und La Lionetta (I), neu Muisca aus Kolumbien, Vizöntö aus Ungarn, Cork Pipers aus Irland, Jenny Beeching aus London, Antoinio Breschi aus Italien, und aus Deutschland Walter Mossmann, das Jürgen Slopianka Trio, Störenfried, Holzrädchen und der Instrumentenbauer Tibor Ehlers (D).
Der engagierte Liedermacher Walter Mossmann aus Freiburg war gewissermassen zum anderthalbten Mal auf der Lenzburg. Bereits 1977 hatte er auf dem Programm gestanden, zog es aber vor, an der gleichzeitigen Demo zum AKW Gösgen mitzumarschieren. Nun standen die Sterne wieder ungut über der Lenzburg. Für ihn war ein Festival mit viel Tanz und Tradition inmitten der Jugendrevolte unerträglich. Er brach seinen Auftritt ab und wollte stattdessen über die aktuellen Ereignisse diskutieren. Es gab einen Tumult. Einige solidarisierten sich mit Mossmann, andere wollten weiter Musik hören, tanzen und festen. Die Organisatoren beschlossen an einer hastig einberufenen Krisensitzung, das Programm weiter laufen zu lassen. Walter Mossmann verliess Schloss Lenzburg unter Protest und mit ihm auch eine Schar Sympathisanten.

Das Lenzburg-Festival 1980 empfand ich als schal, streckenweise langweilig. Peinlich in der Zeit des Umbruchs. Viel zu wenig Lieder und Texte, zu viele Instrumentalisten und Tanzmusik-Gruppen - diese Auswahl war doppelt fatal, weil wegen des Gedränges im Rittersaal gar nicht getant werden konnte. Zur Ehrenrettung der Organisatoren sei gesagt, dass sie das Programm weit vor dem Ausbruch der Jugendrevolte festgelegt hatten und mit dem Dauerregen das Worst-Case-Szenario erwischten. Es war nicht zu übersehen, dass sich die aufmüpfigen Musiker in diesem besonderen Sommer lieber auf der Strasse zeigten als auf dem Schloss, andere waren so bekannt und begehrt geworden, dass sie nicht mehr ohne Gage auftreten wollten. Die Situation war schwierig.

Nach dem Rücktritt der Platten-Ressort-Leiterin und dem Wegfall des Gurtens war an eine LP-Produktion 1980 nicht zu denken. Das Rest-OK hatte jetzt ganz andere Sorgen.

Als sich die Euphorie der Jugendbewegung etwas gelegt hatte, fragten junge Leute vom Folkclub Zürich an, ob sie nicht in die Organisation miteinsteigen und das Folkfestival Lenzburg am Leben erhalten könnten.
Doch wir sahen keine aussichtsreiche Perspektive mehr. Es war der Kanton Aargau, der dem Festival den finalen Schlag versetzte. Die Lenzburg sollte während dreier Jahre renoviert und umgebaut werden. Danach würde die Schlosshof-Wiese zu einem Rosengarten. Anlässe seien dann nur noch im Rittersaal möglich.
Drei Jahre lang "Folkfestivals auf der Lenzburg" in der Mehrzweckhalle? Dann zurück zum Stand vor 1972? Das war zu viel des Schlechten. Wir beschlossen, unsere geliebte Lenzburg zu begraben und den Verein aufzuösen.

Der Nachlass

Der Verein hatte vorsichtig und schuldenfrei gewirtschaftet (stets ehrenamtlich). Trotz des verregneten letzten Festivals blieb ein Restvermögen von einigen tausend Franken übrig. Das wurde dem Folkfestival Gurten als Fond für besondere Musikprojekte übergeben.

Der wesentliche Teil des Nachlasses der Folkfestivals auf der Lenzburg war zweifellos die Musik.
Wir beschlossen, die noch vorhandenen Musik-Tonbänder dem Schweizerischen Volksliedarchiv (SVA) in Basel zu übergeben. Der Vorschlag war von mir gekommen. Ich wollte vermeiden, dass die Bänder auf den Estrichen der einzelnen OK-Mitglieder langsam zerfielen und die Lenzburg-Musik verloren ging. Dr. Christine Burckhardt-Seebass, Leiterin des SVA, kannte die Lenzburg gut und hatte Interesse an einer Archivierung. Ich wurde mit der Übergabe der Bänder beauftragt.

So präsentierte sich die Ausgangslage:
Unser hervorragender Tontechniker war die ganze Zeit über Beat Hohmann gewesen. Mit der Zeit, als Parallelkonzerte in verschiedenen Räumen liefen, waren einige andere dazugekommen. - Die Hauptaufgabe von Beat H. war die Beschallung des Schlosshofs oder des Rittersaals. Dabei liess er eine grosse Revox-Spule mitlaufen, die im wesentlich zwei Zwecken diente: 1. wünschte Benno Kälin für seinen Lenzburg-Rückblick am Radio Bandmaterial von ausgewählten Musikern, und 2. wünschten die Leute, die die Lenzburg-Platte zusammenstellten, eine Reihe von Aufnahmen. Da die Original-Aufnahmen auf den Studiospulen für gewöhnliche Sterbliche kaum abspielbar waren, kopierte Beat H. die gewünschten Auszüge. War die Auswahl für Radiosendung und Platte getroffen, war der Tontechniker aus seiner Pflicht entlassen. Und weil diese Studiobänder teuer waren und Beat immer mehr Festivals beschallte, benutzte er die Tonbänder wieder und überspielte sie.
Die Originale waren also verloren. Was blieb, waren die zu verschiedenen Zwecken gezogene Kopien, Auszüge, die ich nun von den allen (rezenten und fossilen) Kommitee-Mitgliedern einforderte. Die Workshops, Diskussionen und Vorträge im Stapferhaus waren jeweils vom Schweizer Radio beschallt und aufgenommen worden. Auch diese waren aber, musste ich erfahren, längst überspielt, Bänder wiederverwendet. Mit Speicherplatz wurde im vordigitaler Zeit haushälterisch umgegangen.

Ich nahm dankbar entgegen, was ich kriegen konnte. Das war dann doch eine Kiste voller Tonbänder mit etwa 150 Stunden Musik. Die Aufnahmen waren für 1972 fast vollständig (bloss John Pearse hatte die Aufnahme verboten), auch für 1973, dann aber, als an zwei Tagen auch Parallelkonzerte über die Bühnen gingen, klafften grosse Lücken.
Zusammen mit meiner Partnerin Katharina machte ich mich ans Katalogisieren. Das SVA arbeitete mit Karteikarten. Für jeden Song und jedes Stück mussten wir Ort und Zeit der Aufnahme, Titel, Liedanfang, Urheber und Interpreten angeben - bei Bands all deren Musiker mit Instrumenten. Dabei halfen uns neben den persönlichen Erinnerungen die Programmhefte und sämtliche SUISA-Listen der Lenzburg-Festivals, auf die die Musiker nach ihrem Auftritts jeweils die gespielten Titel eingetragen hatten. Dummerweise war es unter Musikern üblich, dabei lauter Eigenkompositionen anzugeben, um damit einige Franken Tantiemen einzuheimsen Womit die gelben Liste für uns von zweifelhaftem Wert waren. - Liedanfänge ... ja, gerne. Aber bei piemontesischen oder bretonischen Volksliedern verkam das zu einer bloss akkustischen Notation.
Nach einem Jahr zwischen Tonbändern, Listen und Karteikarten konnten wir dem SVA ca. 125 Stunden katalogisierte Lenzburg-Musik samt Programmheften überreichen. Die Tonbänder wurden bei 15 Grad sorgfältig eingelagert und standen nun einem interessierten Publikum zum Reinhören und für wissenschaftliche Arbeiten offen.
Bloss ... 35 Jahre lang interessierte sich kein Schwein für die Lenzburg-Tapes.

2015 lancierte das SVA ein Projekt zur Digitalisierung der eingelagerten Tonbänder.
Man sammelte Geld und suchte Partner-Organisationen, im Lauf des Jahres 2018 wurden die Bänder bei der Fonoteca Nationale in Lugano digitalisiert (und blieben physisch auch in Lugano), im Lauf des Jahres 2019 erstellt die gegenwärtige Leiterin des SVA, Tamara Ackermann, den digitalen Katalog. Darauf soll die Lenzburg-Musik über die Sites der SGV (Schweiz. Ges. für Volkkunde) und MeMoriav ins Net gestellt werden. Z.Z. ist noch unklar, ob der Zugriff auf die Musik allgemein erfolgen kann oder auf ein Netzwerk von Bibliotheken eingeschränkt wird.

Anlässlich der Präsentation der digitalisierten Bänder haben wir uns als Alt-Festivalorganisatoren Gedanken zur Archivierung der nicht-musikalischen Lenzburg-Artefakte gemacht. Fotos, Korrepondenzen, Verträge, private Filmchen u.a.m.
Wir haben uns entschieden, die Materialien dem Volksliedarchiv SVA zur digitalen Publikation zu überlassen. Danach werden sie physisch im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich archiviert, wo auch die Archivarien der Folkfestivals auf dem Gurten ihre letzte Ruhe finden sollen.

... wenn ich mir nicht irre

Zitat von Sam Hawkins. Nicht von Steven Hawking. Da bin ich ganz sicher.
Und schon daneben. Sam Hawkens und Stephen Hawking heissen die beiden.

Noch viel mehr kann ich mich bei Namen, Zeitangaben, Ablauf der Ereignisse in neun Lenzburg-Jahren irren. Auch wenn ich mir die grösste Mühe gebe: Nach fast einem halben Jahrhundert muss ich mit Fehlern und Gedächtnislücken rechnen. Vor allem habe ich bestimmt nicht all die vielen guten Seelen, die zum Gelingen der Festivals beigetragen haben, in dem Masse gewürdigt, in dem sie dies verdient hätten. Gewiss habe ich Dinge verpasst, die nicht vergessen gehen sollten.

Bitte sehr: Seid mir nicht böse! Schreibt mir ein Mail, wenn ihr Mängel zu rügen und Ergänzungen anzubringen habt.
Es ist mir ein Anliegen, die Lenzburg-Chronik mit eurer Hilfe zu verbessern.


Quellen

sind die Vorlagen für wissenschaftliche Arbeiten und Publikationen. Ohne sie läuft nichts. Ohne sie versauert der Wissenschaftler wie ein Stürmer im Fussball ohne die Vorlagen eines Passgebers.
Genau wie die Sturmspitze erzielt der Wissenschaftler nicht nach jeder Vorlage ein Tor. Manchmal trifft er trotz guter Vorlagen knapp daneben, verstolpert sie, trifft den Ball nicht richtig. Während beim Fussballer dank Schiedrichter und VAR (na ja ...) bald klar wird, ob er Erfolg hatte, ist das im Rahmen wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Publikationen schwieriger zu erkennen. Selten weist die Redaktion einer Zeitschrift eine Arbeit ab. Meist wird das Werk publiziert. Sei es ein Volltreffer, ein Pfostenschuss oder bloss eine Serie verunglückter Abschlussversuche.
Die Gesetze der Wissenschaften besagen nun, dass die wissenschaftlichen Arbeiten ihrerseits wieder zu zitierfähigen Quellen werden, zu Passgebern für weitere Arbeiten. Ob Torerfolg oder Niete spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist die Reputaion des Verfassers. Das Gebot der Quellentreue verlangt sogar, dass der nachfolgende Wissenschaftler die Aussage der Quelle unverändert übernimmt, selbst wenn er daran starke Zweifel hegt. (Das dürfte er zwar thematisieren, tut es aber kaum, weil er dadurch mit dem reputierten Quellengeber in Konflikt geriete.) So trägt fast jeder Baum der wissenschaftlichen Erkenntnis einige faule Früchte, falsche Fakten und Schlüsse - unglücklicherweise wieder Quellen späterer Arbeiten.

Die Folkfestivals auf der Lenzburg waren nur selten zum Thema von Publikationen in volkskundlichen, musik- und sozialhistorischen Fachzeitschrften. Das war auch nicht wesentlich. Jetzt aber, nach fast einem halben Jahrhundert, wo die alten Folkfreunde langsam wegsterben, sind wir dankbar für diese seltenen Arbeiten, die den Folk, seine Sänger, Bands, seine Lokale und Festivals, seine Worte und Klänge der Nachwelt übermitteln. Herzlichen Dank allen, die sich in wissenschaftlichen Gefilden der Folkbewegung gewidmet haben!
Wir haben vor, die alten Lenzburg-Materialien den Archiven zu übergeben. Das wären dann Primärquellen. Auch mit Zeitzeugen (z.B. uns alten Lenzburgern) liesse sich arbeiten, wenn unsere Erinnerung auch weniger zählt als Aussagen in wissenschaftlichen Publikationen. Und - man müsste die wirklichen Zeitzeugen befragen, nicht z.B. (so geschehen) Polo Hofer, der zwar stets prominent und gerne Auskunft gab, aber nie auf der Lenzburg war.

Es ist anzunehmen, dass sich Nachgeborene, die auf die Folk-Zeit zurückblicken, besonders wenn dies in wissenschaftlichem Rahmen geschieht, stark auf die wenigen Publikationen beziehen werden, aus solchen Quellen zitieren und aus dem Mix einige neue Schlüsse allgemeiner Art ziehen werden. Kolportierte Irrtümer miteingeschlossen.
So erlaubt mir bitte zum Schluss, einige dieser faulen Früchte vom Baum der wissenschaftlichen Erkenntnis als solche zu kennzeichnen. Ohne Quellen-Nennung, ohne Hader, ohne böse Gedanken. Nur in der Hoffnung, einige Irrtümer zu berichtigen:


Nein. Das Folkfestival Lenzburg entstand nicht nachh dem Vorbild der deutschen Burg-Waldeck-Festivals. Die Lenzburg-Initianten waren auf die anglo-amerikanische Musik Folkmusic fokussiert, das Festival entstand sehr spontan. Später versuchte man bewusst, den Spaltpilz der Waldeck und anderer deutscher Festivals (Ingelheim - Open Ohr Mainz), die Trennung zwischen Tradition, Tanz, Gemüt und politischem Lied zu vermeiden.
Auch an den anderen Schweizer Festivals kam es bis 1980 nie zu einer solchen Trennung.

Dass das Folkfestval Lenzburg 1972 gleichzeitig mit dem Folk und Blues Festival auf dem Bachtel gestartet habe und 1977 im Gurten aufgegangen sei - nee, liebe Leute, eher nicht.

Dass die jungen Schweizer in den ersten Lenzburgjahren fast nur Lieder von Woody Guthrie und Bob Dylan gesungen hätten, ist falsch - und auch ganz ordentlich diffamierend. Wir waren doch schon 1972 viel weiter!
Auf Lenzburg 1 gab's gerade mal einen Guthrie-Song zu hören (Silvio Ballinari mit dem Car-Car-Song), drei Dylan-Songs ('Oxford Town', Kathryn & Matthew Gurewitsch mit einer eigenen Version von 'This Wheel's On Fire' und die 15-String-Band aus Paris mit einem Bluegrass-Arrangement von 'Fox On The Run'). Daneben einiges von Tom Paxton, Leonard Cohen, Melanie, Mississippi John Hurt, Country Joe, u.a.m. Bluegrass-Virtuosen waren gut vertreten, irische Songs in sehr unterschiedlicher Weise (auf hohem Niveau!) durch Skibbereen und das Basler Fullhouse, Troubadix mit historischen Instrumenten, Chlöisu Friedli mit altem Piano-Blues, Maria Kägi mit eigenen Songs in Englisch, Dick Watts und George Tempest vertraten authentisch die britischen Songs, Gabriel sang Biermann und Degenhardt, ich in berndeutsch.
Pure Vielfalt. Wenn man etwas kritisieren will: Klar mehrheitlich in englischer Sprache.

Dass der hinreissend vorgetragene Folk-Rock der Etchingham Steamband 1975 wenig Echo fand, viel weniger als die "puristischen" irischen Gruppen im Vorjahr, zeige, dass man auf der Lenzburg nicht die Veränderung suchte.
Einschätzungen in Ehren, doch das kann man so nicht stehen lassen.
Planxty waren 1974 die Supergruppe der neuen irischen Folkmusic. Sie waren unsere erste Gast-Band, die mehr als Bluegrass spielte. Ihr verdienter Erfolg war wegweisend für die Entwicklung der Lenzburg, weg vom britisch-amerikanischen Folk- und Country-Festival.
Im Jahr darauf war die Gästeliste schon bunter. Kontinentaleuropäische Bands traten auf, Rum aus Belgien, An Triskell aus der Bretagne, dazu kamen die neuen Liedermacher, der bekannteste Hannes Wader. Auch einige Schweizer prägten die Lenzburg 1975 (siehe Jahrensabschnitt). Die Etchingham Steam Band war die Band der Grand Old Lady des englischen Folk, Shirley Collins, und ihres Manns, des Bassisten Ashley Hutchings. Trotz Ashleys Vergangenheit bei diversen Folkrock-Gruppen musizierte die Etchingham Steam Band rein akustisch. Die geradlinig vorgetragenen englischen Traditionals wurden mit dem Akkordeon (Ian Holder) ausgeprägt rhythmisch untermalt. Die Band hatte grossen Erfolg auf der Lenzburg und spielte sogar ausser Programm im Rittersaal zum Tanz auf. Die grosse blonde Shirley Collins mit ihrer klaren Stimme bleibt unvergessen. - Stilitisch, das sei zugegeben, prägte die Band die Lenzburg weniger als Planxty im Jahr zuvor.
Die erste Folkrock-Band auf der Lenzburg waren die Basler Saitesprung. 1978 nahm man drei internationale Folkrock-Bands ins Programm auf: Die Albion Band, Dan Ar Braz und Ougenweide. Ein riskantes Unterfangen, das nur gut gehen konnte, wenn die Bands sich den topografischen Gegebenheiten der Lenzburg anpassten und mit Minimalbesetzung anreisten (mit Handkarren und Kettenlift den Schlossweg hoch ... und spätabends wieder runter) und wenn das Wetter mitspielte. Leider klappte das nur mit der Albion Band. Bandleader Ashley Hutchings kannte das Schloss von seinem Auftritt mit der Etchingham Steam Band her und war gewarnt. Das Programm wurde wegen Regens sehr eng, und der Ougenweide-LKw kehrte am Fuss des Schlossbergs gleich wieder um.
Nein, die Lenzburg verschloss sich nicht der Strömung des Folk-Rocks. Aber andere, grössere Festivalgelände waren für solche Acts besser geeignet. Das mussten wir neidlos anerkennen.
P.S. Die Präsenz eines Schlagzeugs ist nicht mit Innovation und musikalischem Fortschritt gleichzusetzen.

Dass man auf der Lenzburg aufgrund ideologischer Ressentiments das Fernsehen ausgeschlossen und nur 1978 eine Kurzreportage des Saarländischen Rundfunks zugelassen habe, stimmt so nicht.
Das saarländische Team war 1976 auf der Lenzburg, pikanterweise als man das grosse Projekt de Schweizer Fernsehens zurückgewiesen hatte und über eine mögliche Zusammenarbeit diskutierte (siehe Jahr 1976). Zuvor hatte SFDRS 1975 einen Bericht aufgenommen und gesendet. Das OK der Lenzburg war nicht grundsätzlich gegen das Medium Fernsehen eingestellt. Man war sich 1976 jedoch bewusst, dass die Stärke des Festivals in seiner Ambiance lag, und damit musste man sorgsam umgehen. Kommerziell konnte man gegenüber Bachtel, Nyon und bald auch dem Gurten nicht bestehen.
Auch die Einschätzung, man habe damals einen Fehler begangen: Die Lenzburg sei längst vergessen, das fernsehfreundliche Paléo Nyon dagegen floriere immer noch, ist nicht haltbar.
Wenn das Folkfestival Lenzburg überlebt hätte, so nicht im grossen Stil wie Nyon oder das neue Gurtenfestival, sondern in bescheidenem Rahmen mit einigen hundert Besuchern bei Konzerten im Rittersaal. Das Paléo Festival hat jährlich um 200'000 Zuschauer. Alle Schlösser der Schweiz zusammen vermöchten dagegen nichts auszurichten.

Die Behauptung, ab 1977 seien keine traditionellen Schweizer Volksmusikgruppen mehr auf die Lenzburg geladen worden, ist schlicht falsch. Im Gegenteil. Den Erfolg der Husmusig Jeremias habe ich beschrieben, und wenn 1980 noch die Kapelle Rundum und die Oberbaselbieter Ländlerkapelle aufs Schloss kamen, so war dies das Allerbeste und das Innovativste, was die volkstümliche Szene zu bieten hatte.


Zurück meiner Musikseite

Zur Homepage